Montag, 15. April 2013

♀ Splitterherz (Bettina Belitz) [Rezension]

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„Er wusste genau, was er tat. Und doch wirkte er selbstvergessen. Er tauchte in etwas ein, was ich nicht kannte, was mir verborgen blieb. Er schottete sich ab. Er war woanders – weit, weit weg.“

(S. 218)

„Vielleicht würde ich ja aufwachen und alles wäre nur ein Traum. An diese Hoffnung klammerte ich mich.
Doch ich wusste genau: Mein bisheriges Leben war ein Traum gewesen.
Das jetzt war die Wirklichkeit.“
(S. 267)

„Ich hasse dich, Colin“, fauchte ich und wischte meine Tränen weg, damit er sie nicht stehlen konnte. „Ich hasse dich so sehr.“
(S. 431)


Elisabeth, kurz Ellie, zieht mit ihren Eltern in das 400-Seelen-Nest Kaulenfeld. Die Müdigkeit, die sie stets überfällt, schiebt sie auf das Vermissen des früheren Wohnorts Köln. Für die seltsamen Träume hat sie jedoch keine Erklärung. Dennoch zieht es sie immer und immer wieder zu diesem einen Traum mit dem Säugling.

Als sie bei einem Spaziergang von einem Unwetter überrascht wird, sieht sie ihn wieder: Diesen jungen Mann auf dem riesigen schwarzen Pferd, den sie am Tag ihrer Ankunft in Kaulenfeld schon einmal bemerkt hatte – und er rettet sie unter merkwürdigen Umständen.

Als sie stets eine undefinierbare Angst überkommt, beruhigt sie eine Stimme – worauf Ellie vermutet, verrückt zu werden. Die Stimme flüstert ihr immer öfter etwas zu: Ellie solle sich erinnern…

An die ständige Missachtung, mit der sie von allen anderen Kindern bestraft wurde? Etwa an die Heulsuse, die sie früher war, weil sie Gefühle anderer auf so besondere Art selbst spüren konnte?

Ellie fasst einen Entschluss: sie will sich in Kaulenfeld einleben. Die Operation „Landleben“ beginnt – und endet immer wieder in der Nähe des mysteriösen Colin, ihrem Retter, zu dem sie sich gleichermaßen hingezogen und abgestoßen fühlt. Stück für Stück kommt sie hinter sein Geheimnis, das gleichzeitig nicht nur seines ist… und dabei verändert sich Ellie selbst.


Vor dieser Rezension hätte ich mich am liebsten gedrückt. Nicht weil „Splitterherz“ furchtbar schlecht war – nein, nichts dergleichen… Aber „Splitterherz“ lebt von dieser ganz besonderen Atmosphäre, die sich nur sehr schwer beschreiben lässt.

Gerade zu Beginn war diese für mich etwas seltsam, befremdlich. Die Autorin konfrontierte mich mit einer schlechtgelaunten, miesepetrigen Protagonistin, die nach dem Umzug von Köln in dieses kleine Dorf glaubt, „alles“ verloren zu haben. Ein Grund, lieber öfter mal die Augen zu schließen und zu schlafen. Nach und nach kristallisiert sich heraus, dass es für die Müdigkeitsanfälle und Schlafattacken einen anderen Grund gibt. Für diese Erkenntnis benötigt es aber knapp ein Drittel des Buches. Ab diesem Moment mutiert die anfänglich etwas zäh dahinfließende Geschichte aber zu einem reißenden Strom. Denn die Offenbarungen, Geheimnisse und Ereignisse überschlagen sich und meine von Anfang vorhandene Neugier wurde gestillt.

Ellie erzählt in der Ich-Perspektive Vergangenheit, aber durch gewisse Umstände bekommen wir auch einen tieferen Einblick in das Innere von Colin.

Bis auf oder gerade wegen ihrer „Launen“ ist Elisabeth, Ellie, Elisa oder auch Lassie genannt, eine authentische Protagonistin, mit deren „Normalität“ sich wohl jeder Leser identifizieren kann. Seite für Seite entfernt sie sich aber von diesem normalen Mädchen, bekommt Ecken und Kanten… Sei es durch ihre seltsamen Träume, ihre Gedächtnislücken oder ihre Neigung, überall einzuschlafen. Immer mehr erhärtet sich der Verdacht, wer für diese besonderen Zustände verantwortlich sein könnte:

Colin, der mysteriöse und für Ellie faszinierende und gefährliche junge Mann. Im Gegensatz zu der gängigen Jugendliteratur wird Colin nicht von aller (weiblichen!) Welt angehimmelt. Nein! Er wird von manchen sogar als hässlich empfunden… Und mögen tut ihn auch keiner. Warum das so ist, erfährt Ellie gemeinsam mit dem Leser, als sie hinter sein Geheimnis kommt.

Colin, der mystische Retter, der düstere Badboy, der allein in einem Haus mitten im Wald wohnt, von Nachtfalter bekuschelt wird, eine „Sonnenallergie“ mit seltsamen Auswirkungen hat und eine sehr innige „Beziehung“ zu seinem schwarzen Monsterpferd hat. Das war mein erster Eindruck von Colin. Aber hinter ihm steckt so viel mehr. Bei ihm ist das klassische „dunkle Geheimnis“ ein schwarzes Loch. Dunkler geht es nicht. Ihn näher kennenzulernen, seine Vergangenheit und seine Pläne zu erkunden, nimmt sich Ellie zur Aufgabe. Und ich konnte gemeinsam mit ihr hinter die Fassade des jungen Mannes schauen, fand dort Bitterkeit und Traurigkeit – und wollte nur noch wissen, warum.

Erwähnenswert und ein ebenso wichtiger Part der Geschichte ist Tillmann. Er scheint Ellies einziger wahrer Freund. Ein Mensch, auf den man sich verlassen kann, der nie an Plänen zweifelt. Er ist für Ellie genauso wichtig wie Ellie für ihn.

Frau Belitz‘ Stil war im ersten Moment etwas ungewohnt. Sie arbeitet des Öfteren mit Rückblicken, was gemeinsam mit den (Tag-)Träumen anfangs etwas verwirrend war. Immer wieder blitzte die Frage auf, was jetzt real war, ob ich was verpasst habe… Bis mich die Geschichte dann wieder einholte. Ihr Schreibstil ist sehr detailliert. Sie beschreibt sehr bildhaft und gut vorstellbar. Die von ihr aufgebaute Stimmung ist düster, beinahe melancholisch. Dunkle Merkmale überwiegen, sie hat viel mit Ängsten und Phobien gearbeitet, was perfekt zu der von ihr entwickelten Geschichte passt.

Nachdem ich mir die Hintergründe von Ellies und Colins Verhalten Stück für Stück erkämpfen musste, verrate ich hier natürlich nichts über die Grundidee der Autorin. Ich verrate nur so viel: Für mich war sie neu und besonders, so ganz abseits des Urban-Fantasy-Mainstreams. Frau Belitz hat ihre Gedanken wunderbar mit „Allgemeinwissen“ verknüpft und sehr gut begründet und zieht so den Leser in ihren Bann.

Die von Anfang an provozierte Neugierde schlägt nur langsam in echte Spannung um. Diese steigert sich ebenfalls gemächlich, aber kontinuierlich bis zum Showdown. In diesem ersten Band der Trilogie werden selbstverständlich nicht alle Fragen komplett beantwortet, auch das Ende ist nur auf den ersten Blick zufriedenstellend. Umso neugieriger bin ich auf die Fortsetzungen.


Die Idee und die Atmosphäre von „Splitterherz“ sind besonders. Man muss in die von Frau Belitz erschaffene Welt eintauchen – mit Haut und Haar. Man muss sich Ängsten und Albträumen stellen, man muss sich auf den speziellen Stil einlassen. Wenn man dies schafft, erlebt man eine fantastische Geschichte weit abseits des Mainstreams. Spannung, Fantasie, das Spiel mit Phobien und eine etwas andere Romanze, den Kampf um die Liebe ohne sich selbst zu zerstören. All das ist „Splitterherz“.
Der etwas zähe Einstieg und das äußerst verwirrende erste Drittel störten anfangs meinen Lesespaß immens. Daher reicht es nicht ganz für die Höchstwertung. Ich honoriere Frau Belitz‘ Trilogieauftakt daher mit guten 4 Büchern.

Es ist ein Must-Read für Fans anderer Geschichten, die einer düsteren Stimmung nicht abgeneigt sind und auch ein paar Umwege in Kauf nehmen, um Antworten zu bekommen.

1.     Splitterherz
2.     Scherbenmond
3.     Dornenkuss



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Kommentare:

  1. Das scheint ein Buch zu sein, mit dem der Leser (ver-) wachsen kann, wenn er bereit ist, sich auf die Undurchdringlichkeit einzulassen. Klingt für mich, als würde dieses Leseerlebnis einem definitiv im Gedächtnis bleiben.
    Ich finde, du hast das "Nichtgreifbare" dann doch sehr schön in Worte packen können.

    Sonnige Stöbergrüße,
    Kora

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    1. Oh ja, das tut es. Nachdem ich die Reihe gelesen habe, konnte ich mich sehr sehr schwer von den Charakteren trennen können, lange habe ich noch an sie gedacht.

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  2. Ich weiß ganeu was du meinst, ich scheue mich auch immer davor, Bücher zu rezensieren, die von ihrer besonderen Atmosphäre leben ;) Hast du aber - wie immer - ganz toll hinbekommen ;) Mich hat das Buch persönlich nie so richtig gereizt, und das tut es auch nach deiner schönen Rezi noch nicht :D Man kann nicht alles lesen ;)

    lg :)

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    1. Es ist speziell, das auf jeden Fall... Aber es ist mal ein "Typ mit einem außergewöhnlichen Geheimnis"... Allein das fasziniert!

      Aber du hast recht: man kann nicht alles lesen :-)

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  3. Also ich liebe ihre Bücher :)
    Hab sie vor meiner Bloggerzeit gelesen und sie gehören für mich unumstritten zu den besten Büchern, die ich bisher gelesen habe :)
    Deine Rezension gefällt mir wirklich gut, da du genau bemerkst, wie anders und faszinierend die Geschichte ist, wenn man sich drauf einlässt. Leider kann ich mich nicht mehr an den "holprigen" Anfang erinnern! :P

    LG
    Jana

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    1. Ich habe mir vor lauter Wahrheit/Traum/... wirklich schwer getan. Aber das ist vermutlich Geschmackssache oder kommt stark auf das "Buch davor" an :-)

      Aber es war trotzdem RICHTIG gut! :)

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  4. Argh. Ich schleiche schon die ganze Zeit um dieses Buch rum, und nach dieser Rezension habe ich noch mehr Lust darauf... (Solange ich den Anfang überlebe. Habe ich bei Seelen auch nicht geschafft und wohl einiges verpasst...) Ja, ich glaub ich geb dem Buch mal eine Chance. ^.^

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    1. Ich hab Seelen auch pausiert... Das würde ich heute vermutlich mit keinem Buch mehr machen, weil ich durch das Bloggen eindeutig mehr lese und weiß, dass Durchhalten oftmals belohnt wird.

      Vielleicht liest du einfach mal in die Leseprobe, vielleicht bist du ja sofort gebannt?

      lg
      Steffi

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  5. Letzte Woche noch hatte ich das Buch in der Hand und wusste nicht, ob ichs kaufen soll, ich wollte einfach nur das Cover haben... jetzt bin ich mir immer noch nicht sicher, aber ich werd mir wohl auch mal die Leseprobe angucken.

    LG
    Yvonne

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    1. Das Cover ist aber auch WUNDERVOLL!
      Mit der gehst du auf Nummer sicher. Der Stil ist doch etwas besonders und ich kann gut verstehen, dass er vielen gar nicht liegt.

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  6. Hmm.... scheint so, als müsste das Buch dringend runter von meinem SuB ;-)
    Danke für die Rezi !
    LG
    Tanja

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  7. Deine Rezension ist wundevoll und ich kann genau verstehen wie du dich fühlst, ich konnte es nicht.
    Meine Rezension war ... keine richtige Rezension ich kam nicht aus dem Schwärmen raus. Ich wusste nicht wie ich es beschreiben sollte.
    Die Folgebänder sind im übrigen noch besser.
    :)

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    1. Das hab ich jetzt schon öfter gehört :-)
      Ich komme wohl nicht daran vorbei, was?

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  8. tolle Rezi liebe Steffi, und ich weiß genau, was du meinst und wie du dich beim Schreiben (und Lesen) gefühlt hast. Bei mir ist es schon so lange her, dass ich die Trilogie gelesen habe, dennoch ist sie mir immer noch tief im Gedächtnis.

    Du wirst auch Teil 2 und 3 sehr gerne mögen, denn auch hier erwartet dich noch die eine oder andere Überraschung. Einziger Kritikpunkt von mir bei allen 3 Büchern ist, dass die sich zum Teil wirklich sehr ziehen, besonders Band 3. Da hätte man vieles weglassen bzw. verkürzen können.

    Küsschen, Ally <3

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    1. Band 2 und 3 sind schon so gut wie eingezogen :)

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  9. Hey super Rezi von dir!!! ^_^
    Ist das Buch echt erst ab 16???? Oder kann man es auch schon mit 14 lesen? ;)
    LG

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    1. Danke <3
      Also es ist schon düster, und bedrückend, geht eher auf die Psyche. Außerdem ist der Stil nicht ganz einfach. Aber ich habe schon (für mich) schlimmere Bücher gelesen, die ab 12 oder 14 waren.

      lg
      Steffi

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  10. Von mir hat "Splitterherz" damals leider "nur" 3 Punkte bekommen, da mich die vielen Träumereien der Hauptperson ziemlich genervt haben. Klar, es klärt sich auf, warum das so ist, aber da sie ja oft am Ende eines Kapitels eingeschlafen ist, war es für mich nicht so richtig fesselnd. Teil 2 fand ich allerdings super! Und Teil 3 war für mich zu lang.

    Schöne Rezi!

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    1. Es ist schon sehr speziell... Und du hast trotz "nur" 3 weitergelesen? Nicht schlecht. Band 2 und 3 sind auf dem Weg zu mir.

      Kann deine Kritik aber durchaus nachvollziehen - war schon sehr sehr seltsam :-)

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    2. Ja, ich "musste" sozusagen weiterlesen, da ich mir aus Versehen Teil 2 zuerst gekauft hatte. War dann aber froh, dass ich weitergelesen hab :)
      Außerdem bin ich ein typischer Cover-Käufer, ich musste die Bücher schon allein wegen dem tollen Äußeren haben. ;)

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    3. Stimmt, allein dafür lohnt es sich, die im Regal zu haben <3

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  11. Ich glaube das Buch wird nicht mehr lange auf meinem SuB liegen :) Danke !

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  12. Mir gefällt deine Rezi sehr gut :) Ich habe Splitterherz grade gelesen und rezensiert und habe mich auch etwas schwergetan mit meiner Erklärung... Ich finde, dass du das doch sehr schön in Worte fassen konntest :) Jetzt weiß ich, was mir gefehlt hat :D Aber das Buch hat mir leider trotzdem überhaupt nicht gefallen... Ich fürchte, damit steh ich ungefähr alleine da, aber was solls.
    http://lisaundlaurahoch2.blogspot.de/2014/05/rezension-splitterherz-von-bettina.html

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Liebe Grüße

Steffi & Kay