Dienstag, 30. April 2013

♀ Bitterzart (Gabrielle Zevin) [Rezension]

Bildquelle und Infos vom Verlag gibt es hier.
Kaufen könnt ihr das Buch gleich hier.
„Schokolade ist nicht die Lösung für alles, Nana“
„Aber für verdammt viele Dinge“, gab sie zurück.
(S. 69)


New York 2083
Die Stadt ist pleite und alles ist teuer geworden. Durch die vielen Verbote floriert der Schwarzmarkt, insbesondere der illegale Handel mit Schokolade oder Kaffee. Bestechungen und dubiose Geschäfte sind an der Tagesordnung.

Anya Balanchine ist seit dem Tod ihres Vaters Vollwaise und das inoffizielle Familienoberhaupt. Ihre kränkliche Großmutter (der gesetzliche Vormund) ist ans Bett gefesselt. So muss sich Anya neben Schulbesuch und Problemen mit Jungs noch um ihre jüngere Schwester Natty und ihren 3 Jahre älteren Bruder Leo kümmern, der bei dem tödlichen Unfall der Mutter ein Gehirntrauma erlitten hat.

Der Rest der „Familie“ ist Anya ein Dorn im Auge. Sie versucht, ihre Geschwister zu schützen, indem sie sich aus dem Familiengeschäft fernhält: dem illegalen Handel mit Schokolade – dem Erbe ihres Vaters, einem ehemaligen Mafiaboss und Clan-Oberhaupt.

Doch einmal hineingeboren, kann sich ein Balanchine nicht gänzlich verstecken. Und so zieht sich die Schlinge um Anya immer weiter zu – eine Freundschaft oder gar Beziehung zu dem Sohn des stellvertretenden Oberstaatsanwalts scheint aussichtslos. 


2083, Zukunft, unzählige Verbote und Einschränkungen, sogar eine verbotene Liebe – der Klappentext klingt nach einer vielversprechenden Dystopie. Dazu das Flair von Gangstern, Mafia oder Prohibition. Perfekt!
So war es mir nicht möglich, an „Bitterzart“ vorbeizukommen.

Nach einem verwirrenden Einstieg (die russisch (?) angehauchten Namen, die Dominanz von fremdländischen Begriffen zur Erläuterung des Settings) trugen ihren Teil dazu bei - was aber sofort auffiel, war der besondere Stil der Autorin oder vielmehr die Perspektive:

Die Protagonistin Anya erzählt ihre Geschichte in Ich-Perspektive in Vergangenheitsform. WIE sie diese aber erzählt, ist so speziell, dass ich überlegen musste, an was dies denn liegt. Anfangs hatte ich das Gefühl, eine alte Anya sitzt in ihrem Sessel und erzählt aus ihrem Leben („damals, als ich 16 war“, „zu der Zeit, als…“). Dann wurde die Form greifbarer und ich fand mich praktisch in den Memoiren von ihr wieder: „Ich verzichte lieber darauf, eine lange Liste von Beleidigungen runterzutippen.“ (S.31)

Dieser Stil macht eindeutig das Besondere an dem Buch aus, trifft aber vermutlich nicht jedermanns Geschmack. Vieles wird dadurch vorweg genommen, was ich sehr schade fand.

Trotz der erwähnten Ich-Perspektive bekam ich keinen richtigen Draht zur Protagonistin Anya. Als Tochter des verstorbenen Oberhaupts des Balanchine-Clans hatte sie alles andere als eine normale Kindheit. Unzählige Beerdigungen, alleine der Verlust von Mutter und Vater, zeichnen sie aus. Sie ist sehr gefühlskalt, bzw. „stark für ihre Geschwister“. Sie genießt ihren Status nicht gerade, will mit dem Familiengeschäft nichts zu tun haben, besitzt jedoch dank der Machenschaften ihres Vaters einige Privilegien. Die Liebe zu ihm ist stets präsent. Unentwegt handelt Anya nach seinen Ratschlägen, nach seinen Prinzipien und zitiert ihn im Laufe des Buches einige Male.
Sie versucht ebenfalls, zu ihren Prinzipien zu stehen, was teilweise zu einen großen Hin und Her führt. Denn sie muss sich entscheiden: Zwischen dem, was gut für ihre kleine Familie ist und ihren Gefühlen für den Sohn des wichtigsten Staatsmannes: Win.

Win war mir von der ersten Sekunde an sympathisch. Ich mochte seine lockere und unvoreingenommene und dennoch realistische Art. Er ist der Sohn des Staatsanwalts, hat aber absolut kein Problem mit Anyas Verwandtschaft. Er ist hilfsbereit und lässt sich nicht von Äußerlichkeiten täuschen. Auch als er mehr über Anya erfährt, steht er ihr bei und aus der Freundschaft wird mehr.

Dieses Mehr war für mich allerdings nur selten greifbar. Es gab keine wirklich emotionalen Momente, nicht das große Drama, das ich aufgrund des Klappentextes erwartet hatte. Die Beziehung war da. Punkt.
Genau wie diese Tatsache war auch vieles andere einfach da, wurde nicht erklärt, es gesellten sich zu meinen anfänglichen immer mehr Fragen, ein roter Faden war oftmals nicht ersichtlich.

Nichtsdestotrotz fand ich das Setting, das Frau Zevin erschaffen hat, fantastisch: Eine Welt ohne Schokolade, bzw. deren illegaler Beschaffung. Illegaler Kaffeekonsum in zwielichtigen „Mondscheincafés“, der oftmals zu folgenschweren Konsequenzen führt. Auch wenn ich nur einen Hauch „Mafia-Flair“ schnuppern durfte, gefiel mir die „Prohibitions-Atmosphäre“ sehr gut.

Der Schreibstil der Autorin ist leicht und flüssig zu lesen. Sie bindet viel wörtliche Rede in ihre Geschichte ein und macht sie dadurch sehr lebendig. Die Vielzahl an „Baustellen“, die die Autorin öffnet, hält das Spannungsniveau auf einem niedrigen Level, es kommt aber nie Langeweile auf. Die Anzahl an überraschender Wendungen oder „Warum?“-Momenten war schockierend hoch, so dass ich gezwungen war, weiter zu forschen.

Gegen Ende hin hat sich das gesamte Niveau des Buches für mich verändert. Anya wirkt plötzlich stark und erwachsen, trifft „echte“ Entscheidungen und stellt sich Konsequenzen. Zu ihnen gehören Überlegungen über die Zukunft, die mich sehr neugierig machen.
Daher werde ich um „Zartherb“ nicht herum kommen.


„Bitterzart“ ist anders, „einzigartig“, genau wie es der Klappentext verspricht. Doch die hohen Erwartungen, die dieser heraufbeschwört, konnten meiner Meinung nach nicht gehalten werden. „Bitterzart“ ist für mich KEINE Dystopie, lediglich die Jahreszahl deutet auf die Zukunft hin. Für mich hatte die Geschichte zu viele „Baustellen“, zu viele Dinge, die Frau Zevin uns mitteilen wollte, sodass der rote Faden beinahe verlorenging. Dennoch hat es mir Spaß gemacht, in Anyas Leben einzutauchen und ich hatte unterhaltsame Lesestunden, die mich auf jeden Fall neugierig auf mehr gemacht haben. Diese belohne ich mit sehr guten 3 Büchern.

Wer das Flair des Verbotenen liebt, sollte sich durchaus mit den Memoiren der Mafia-Tochter Anya auseinandersetzen. Lest in die Leseprobe – wenn sie euch überzeugt, gefällt euch auch der Rest.

1. Bitterzart
1. Edelherb 
(Erscheinungsdatum: Herbst 2013)
3. englischer Titel: In the Age of Love and Chocolate
(Erscheinungstermin: September 2013)




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Kommentare:

  1. Das habe ich jetzt von einigen schon gehört, das man es nicht unbedingt Dystopie nennen kann aber interessieren tut es mich dennoch brennend :-D

    LG Scatty

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    1. Das mit der Dystopie wäre mir auch egal gewesen. Es gibt ja schließlich auch andere tolle Bücher, die keine Dystopien sind.

      Aber es war etwas so ungreifbares, was ich versucht habe in Worte zu fassen: Man erfährt hier ein Stück, da ein Stück, nichts davon ist durchgehend und wirklich gefühlt wichtig. :-(

      Spaß gemacht hat es trotzdem. Und wenn einem der Stil gefällt, dann zieht es einen sicherlich in seinen Bann :-)

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    2. Meinst du so wechselnde Szenen, wo man sich fragt, warum diese schon wieder wechselt wo man grad mitten drin ist? Oder nur so Andeutungen?

      Das Buch muss auf jeden Fall erstmal auf meine Wunschliste :-)

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    3. Der Klappentext verspricht "Mafia-Flair", das ist nur am Rande spürbar. Ebenso die angekündigte "verbotene Beziehung", ist leider nur beiläufig Thema. Es ist einfach keine klare Linie darin. Erst gegen Ende! Und ab dem Moment fand ich es richtig gut! Deshalb auch weiterlesen :-)

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    4. Es wird eine Reihe, oder? Das hab ich mal gelesen^^ Vielleicht frag ich es als RE mal an und wenn sie keine mehr über haben, kaufe ich es mir....oder leihe es mir :-)

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    5. Wird soviel ich weiß "nur" ne Trilogie... Aber da kann man ja in letzter Zeit nie so sicher sein.

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  2. Ach schade und ich hab mir eine Dystopie mit mal ganz anderem Hauptthema (Mafia und Schokoladenhandel) gewünscht ._. Scheint ja nicht so der Burner zu sein! Vielleicht werde ichs irgendwann lesen, das Cover sieht nämlich trotzdem schön aus :D

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    1. sehr appetitlich, genau :-)
      Mein Wunsch war derselbe - aber im Zuge der großen Promotion-Aktion stiegen die Erwartungen natürlich ins Unendliche :-(

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  3. Ich überleg die ganze Zeit, ob ich mir das Buch kaufen soll oder nicht :/ Ansich spricht es mich nicht unbedingt an, aber ich steh so auf Schokolade xD

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    1. Ich auch... und auf Kaffee... das hat meine Sinne benebelt :-)
      Also wenn du mal was ganz anderes lesen willst, dann greif zu!

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  4. Als ich das Buch vor ein paar Monaten zum ersten mal gesehen habe, hat es mich überhaupt nicht interessiert. Dann kam der ganze Hype und ich dachte mir "okay,vielleicht ist es doch ganz cool". Jetzt habe ich mein Interesse wieder verloren und ich denke die Trilogie kann ich ruhigen Gewissens auslassen :)

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    1. Fakt: Wenn du anfängst, willst du weiterlesen... Ich bin ein Serienjunkie! :'(

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  5. hmm klingt ja jetzt nicht so überzeugend :D wobei mich die grundidee der geschichte echt neugierig gemacht hat ... aber wenn die umsetzung dann doch nicht so überzeugend ist ist das natürlich echt schade =/

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    1. Ich persönlich hatte einfach meine Probleme damit. Ich denke es ist Geschmackssache, aber bei mir kam das "gewisse Etwas" einfach nicht rüber. Ein bisschen Liebe hier, ein bisschen Mafia da... Für mich einfach nicht greifbar genug :-(

      Aber ich habe auch schon wirklich begeisterte Meinungen gelesen. :-)

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  6. Vom Klappentext her hätte ich auch gesagt, dass es nach perfektem Lesegenuss klingt. Aber wenn du nicht so begeistert warst... Hm, mal schauen, ob mich andere Rezensionen dann noch überzeugen können, es zu lesen. Mi gefällt das Cover ja schon wieder so gut, dass ich es am Ende bestimmt sowieso kaufe. xD

    Schöne Rezension!

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    1. Der Vintage-Look gefällt mir auch. Es sticht so heraus wie auch die Geschichte :-)
      Und einmal begonnen, bin ich dann viel zu neugierig, um NICHT weiterzulesen - soweit konnte es mich dann doch überzeugen :-)

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  7. Eine schöne Rezension ! Der Klappentext lässt einen wirklich dahin schmelzen *-* Schade..

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  8. Deine Rezi ist wie immer super schön und so toll beschrieben, das ich schon fast das Gefühl habe das Buch selbst gelesen zu haben <3.

    Ob ich es aber tatsächlich tun werde, steht in den Sternen. Du hast ja während dem Lesen schon immer erzählt, das Bitterzart nicht immer so gut und vor allem eben ganz anders ist, als erwartet! Es bleibt jetzt erst mal auf meiner WuLi, es gibt aber definitiv viele Bücher davon, die ich erst mal lieber haben möchte.

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    1. Gute Entscheidung. "schlecht" war es ja nicht... und andere waren ja total begeistert. Vielleicht war es für Bitterzart und mich einfach schlechtes Timing :-(

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  9. Hm, ich glaube ich schraube meine Erwartungen an das Buch mal ganz schnell runter. Die waren bisher sehr hoch, aber ich fürchte ich könnte enttäuscht sein... Trotzdem bin ich gespannt, wie es mir gefallen wird. ;)
    LG Mandy

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    1. Meine waren ähnlich hoch... Hoffentlich kann es dich jetzt dann begeistern! :-)

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  10. Jap, genau so, oder ähnlich empfinde ich auch. Wobei mir Win viel zu blass war. Man hätte aus dieser Romeo u. Julia-Thematik viel mehr machen können. Ich fand's auch sehr interessant, aber nicht spannend genug, kein Mafiaflair (wie bei Arkadien!) und schlimme Szenen, zB als Anya eingesperrt war, gingen mir gar nicht nah. Zum Glück gab's keine Leselängen. Ich bin mir noch unsicher, ob ich hier weiterlesen will ;-)
    LG,
    Damaris

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    1. Die Romeo-Julia-Story hätte so gut ins Setting gepasst - und eigentlich hat es das Zitat auf dem Klappentext auch versprochen... :-(

      Ich geb dir dann Bescheid, wie dir Fortsetzung ist, dann kannst du es dir noch überlegen :-)

      lg
      Steffi

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  11. Ich finde das Buch klingt klasse, aber mal sehen was ich dazu sagen werde.
    Hatte nämlich das große Glück ein Exemplar durch Blogg dein Buch zu bekommen *-*

    LG May

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    1. Glückwunsch!!!! Ich drück dir die Daumen, dass es dich mehr anspricht :-)

      Viel Spaß damit!

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  12. Ich bin suuuper gespannt, wie das Buch wird. Ich bekomme es vermutlich noch diese Woche. Wieso bestellt? Um ehrlich zu sein hat mich u.A. eure Rezension neugierig gemacht.

    LG Ingrid

    http://lebensleseliebelust.blogspot.de/

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    1. Seeeehr gut :-)
      Das freut mich natürlich, wenn dir meine Rezi weiterhelfen konnte :-)

      Glg
      Steffi

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  13. Hier streiten sich ja wieder mal die Meinungen....ich habs noch auf meinem SUB und werde es auch bald lesen! Trotzdem schöne Rezi :-)

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    1. Ich hoffe du gehörst zu den Liebhabern - ich würde es dir gönnen :)

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  14. Hi Steffi

    Ich habe eben meine Rezi zu "Bitterzart" veröffentlicht und musste mir nun noch deine Meinung dazu durchlesen :-)
    Und wir sehen das ganze sehr ähnlich .... ich bin natürlich auch nicht an dieser Thematik vorbei gekommen - denn hey, ich komme aus dem land der Schokolade - doch auch mich konnte "Bitterzart" leider nicht überzeigen. Die verschiedenen Aspekte sind mir zu sehr an der Oberfläche geblieben und ich muss mir noch genau überlegen, ob ich mir "Edelherb" dann hole oder ob ich einfach bei der Schweizer Schokolade bleibe ;-)

    lG Favola

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    1. vielleicht sind wir (Damaris, du und ich) zu alt für das Buch? Manche sind ja wirklich begeistert, was ich so gar nicht nachempfinden kann :-(

      geh gleich mal bei dir nachlesen :-)

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Liebe Grüße

Steffi & Kay