Freitag, 16. November 2012

♀ Solange die Nachtigall singt (Antonia Michaelis) [Rezension]



Bildquelle und Infos vom Verlag gibt es hier.
Kaufen könnt ihr das Buch gleich hier.

"Ganz allein zu sein ist schrecklich. Der Wind heult draußen, wenn du ganz allein bist, und klagt und weint in den Ästen. Die Kälte wird unerträglich kalt und die Dunkelheit unerträglich dunkel. Und in den Ecken lauert die Angst. Wenn du ganz allein bist im Wald, wirst du verrückt. Dann bist du verloren. Ausgeliefert. Hilflos. Dann hat dich die Nacht."
(S. 36)

"Der Faden, der Jari mit der Realität verband, wurde immer dünner."
(S. 79)

Der 18-jährige Jari Cizek will nach seiner Gesellenprüfung eine dreiwöchige Auszeit nehmen und im Wald wandern. Im Schaufenster einer kleinen Galerie, noch bevor der Wald beginnt, sieht er dieses Bild. Ein Portrait des Waldes, das sehr detailliert gemalt ist und dennoch etwas zu verstecken scheint. Ein Geheimnis liegt hinter dem Bild, etwas Verborgenes.
In der Galerie macht er Bekanntschaft mit der Künstlerin. Ein buckliges, strohhaariges, hässliches Mädchen auf krummen Beinen. Jari nennt sie im Geiste das hässlichste Mädchen, das er je gesehen hat.
Sie teilen sich ein Stück des Weges seiner Wanderung ins Blaue. Kaum sind sie geschützt vor den Blicken der Zivilisation wirft sie das Kostüm ab und eine absolut umwerfende, 18-jährige Schönheit tritt hervor. Jari kann sein Glück kaum fassen und kommt der Einladung nach, die "schönste Frau der Welt" in ihrem Zuhause - ein Haus, mitten im Wald - zu besuchen.
Aber irgendetwas geht nicht mit rechten Dingen zu und Stunde um Stunde verliert Jari mehr den Bezug zur Realität und seinem alten Leben.

Nach der Kurzgeschichte in der Anthologie "Frostzauber" war ich einfach nur begeistert von dem Schreibstil der Autorin, deren schlichten, unverschnörkelten Ausdrucksweise und ihrer Kunst, auf knapp 30 Seiten dermaßen viel Emotionalität und Handlung unterzubringen.

Meine Erwartung an "Solange die Nachtigall singt" war daher sehr hoch. Nicht was die Handlung, sondern vor allem den Schreibstil angeht:

Die Autorin überraschte mich in dieser Geschichte aber mit einer außergewöhnlich beschriebenen und insbesondere von Farben geprägten Detailtreue in zahlreichen Vergleichen und Ausschmückungen, was meinen Lesegenuss stark schmälerte. Die stets wechselnde Erzählperspektive einer Dritten Person zwischen den Charakteren und vor allem den kursiv gedruckten Schilderungen der Vergangenheit taten ihr Übriges. 
Die jugendlich oder sogar umgangssprachlich geprägten Gedanken des Hauptprotagonisten wirkten für mich disharmonisch (um bei der Vielzahl an Klängen, Gesängen und Melodien des Buches zu bleiben).

So konnte ich weder eine Verbindung zum Hauptprotagonisten, noch zu den "anderen" aufbauen.

Jari handelte für mich sehr oft nicht nachvollziehbar, übersah/überhörte für mich Offensichtliches oder kam erst Seiten später darauf zurück, um mich dann zu "überraschen". Diese Art von Wendungen zog sich bis zum Ende hin.

Vom Charakter her ist Jari ein normaler Jugendlicher/Jung-Erwachsener, der endlich ein Abenteuer erleben will, etwas zu berichten haben möchte, um nicht immer im Schatten seines Freundes Matti zu stehen, der alleine durch seine Frauengeschichten die gemeinsamen Gespräche dominiert hat. 
Jari sucht die Liebe. Ebenso wie Matti. Doch ist ihre Interpretiation doch eine sehr stark sexuell orientierte Liebe, die mit wahren Gefühlen über den ersten Hormonrausch hinweg wenig zu tun hat. 
Frau Michaelis lässt Jari die Liebe im Laufe des Buches immer wieder anders definieren. Er findet zu sich selbst, verliert sich, sucht sich.

Vermutlich müsste ich jetzt Jascha als Charakter löblich erwähnen. Dass ich überrascht von ihr war. Wie sie sich verändert hat. Doch das darf/soll/muss jeder für sich allein rausfinden.

Ich könnte oder kann in dieses Werk noch unendlich viel hineininterpretieren, Vermutungen anstellen, was die Autorin uns durch dieses und jenes ausdrücken möchte... "Solange die Nachtigall singt" ist definitiv bildgewaltig, farb- und musikgeprägt und für psychologisch bewanderte sicherlich eine wahre Fundgrube.

"Solange die Nachtigall singt" entführt wahrlich in ein berauschendes Abenteuer, das einen vergessen lässt, was Wahrheit und was Fiktion ist. Mir kam die Ernüchterung leider viel zu früh. Es gibt selten Bücher, für die ich mich zum Lesen aufraffen muss. Diese Tatsache, addiert zu dem Gefühl, nicht einmal das erste/zweite/dritte Drittel des Buches oder das herausragende Ende positiv in Erinnerung zu haben, macht in Summe 2 Bücher für die Nachtigall.

Wer auf ein düsteres Abenteuer und Verwirrung mit farbiger Detailverliebtheit sucht, ist mit diesem Buch definitiv gut bedient. 



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Kommentare:

  1. Oha, das ist die erste Rezension von Dir, die weniger als die goldene Buch-Mitte erhält soweit ich mitlese oder erinnern kann ;)
    Aber auch mal "nett" zu lesen, dass es tatsächlich Bücher gibt, die Dir nicht gefallen haben. :D

    LG Morgaine

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    1. Normalerweise verlasse ich mich auf mein "Bauchgefühl"
      Und das werde ich in Zukunft auch wieder tun ;-)

      Es gibt außer dieser hier noch eine 2-Sterne-Rezi :-)

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  2. Mir gings genauso wie dir... Ich fand, dass das Buch so gut klang!
    Ich war gleich zu Anfang des Buches schon irritiert und hätte am liebsten abgebrochen...

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    1. ich hatte beim Lesen immer wieder gehofft, dass es doch noch gut werden wird, eine fantastische Aufklärung erhält, die es dann noch "rausreißt"... Aber nein *schnief*

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  3. Na das klingt ja nicht so gut :D Da war mein Bauchegfühl bezüglich dieses Buches ja doch richtig. Gehört definitiv nicht auf meinen "muss ich lesen"-Stapel.

    Schöne Rezension :)

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  4. OKay :D Ich glaube ich lasse lieber mal meine kleinen Fingerchen davon...

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  5. Ach je, ich hätte es gerne gelesen. Bin nun aber etwas abgeschreckt! Die Geschichte klingt eigentlich ganz spannend! Mal schauen! LG, Nadine Leseratte

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  6. Der Schreibstil und dieses 'Psycho-Ding' ist wirklich Geschmackssache. Vielleicht schaut ihr mal in die Leseprobe? ;)

    Aber für mich war es leider nichts. :-(((

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  7. Na dann lass ich mal die Finger davon...hört sich nicht so toll an. Ach und danke, dass du nicht zur Fraktion gehörst, die um den heißen Brei herum reden und lieber nur positive Dinge in eine Rezi schreiben! LG

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    1. Danke :-)
      Ich wähle meine Bücher ja normalerweise wirklich 'gut' aus, bzw kann mich für vieles begeistern. Aber wenn es dann mal wirklich so gut wie nichts Nicht-Auszusetzen gibt, muss man das auch sagen. Ich versuche nur immer, das auch gut zu 'verpacken'.
      Und es soll ja durchaus viele Fans haben. Und für solche wäre es ja ein Schlag ins Gesicht wenn ich schreiben würde: das Buch ist doof :-D
      Es war halt einfach nichts für mich... Ab und zu täuscht mich mein Bauchgefühl :'(

      Glg
      Steffi

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  8. Mir ging es beim Lesen ähnlich wie dir! Ich habe auch die ganze Zeit gehofft, dass das Buch besser wird. Anfängliche Verwirrung bin ich gewohnt von Antonia Michaelis, aber irgendwann kommt eigentlich immer der Punkt, an dem mich die Geschichte packt. Bei "Solange die Nachtigall singt" war das leider nicht so. Kennst du die anderen Bücher von Antonia Michaelis? Ich kann dir "Der Märchenerzähler" nur wärmstens ans Herz legen, das Buch ist wirklich großartig.

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    1. Oh, wenn es sogar Fans von ihr so ging... Habe außer dem Anthologiebeitrag noch nichts von ihr gelesen. Die Nachtigall lag schon lange auf dem SuB und nach der Begeisterung über die Kurzgeschichte wollte ich mehr von ihr lesen... Aber nach diesem Erlebnis bin ich jetzt wirklich skeptisch gewesen.
      Aber wenn du die anderen Sachen von ihr gelesen hast und auch empfunden hast wie ich verdient sie wirklich noch eine Chance :-)

      Danke für deine ehrliche Meinung :-)

      Glg
      Steffi

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  9. Also die Beschreibung erinnert mich irgendwie an das Märchen Zwergnase ^^
    Aber das Buch ist nichts für mich ^^ Hab die Leseprobe gelesen und mochte es nicht besonders.
    Liebe Grüße
    Blueberry

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    1. Ich hatte mich nur auf die Inhaltsangabe verlassen... War wohl mein Fehler *schnief*

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  10. Oh manno man...Ich wollte schon lange mal ein Buch der Autorin lesen und wollte eigentlich mit diesem starten.Deine Rezi schreckt mich dann aber doch ab. Trotzdem werde ich mir den Märchenerzähler von ihr wohl nicht entgehen lassen:)
    Sehr eindrücklich beschrieben, super :)

    lg

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    1. Der Märchenerzähler soll ja definitiv besser sein... Also dem würde ich vielleicht dann auch noch eine Chance geben ;-)

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  11. Schade, dass dir das buch nicht so gefallen hat. Ich hab es noch auf meinem SuB liegen, weil ich letztes Jahr 'Der Märchenerzähler' gelesen habe und das zu meinen Jahres-Highlights gehört hat...mal sehen, wie ich das Buch dann finden werde...

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    1. Ich glaub, wenn dir der Schreibstil von Antonia Michaelis schon gefällt, dann wird es für dich sicher nicht SO schlecht sein.

      Ich war in größter Linie enttäuscht: Nach der Kurzgeschichte in Frostzauber war ich so total begeistert von ihrem Schreibstil und ihrer Art - aber beides war so ganz anders als in Frostzauber: genau so, wie ich es nicht mag :-(

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  12. Hey :)
    Als ich die 2-Punkte-Bewertung im Rezi-Index gesehen habe, war ich ein bisschen geschockt, weil ich mich lange auf das Buch gefreut habe und es seit Kurzem endlich in meinem Regal steht. Die Rezi hat mich dann aber doch ein bisschen beruhigt xD
    Ich persönlich mag dieses Spiel mit Wahrheit und Fiktion und auch Michaelis' Schreibstil sehr gern und nachdem du es als bildgewaltig beschrieben hast, glaube ich, das das Buch meinen Erwartungen gerecht werden kann.

    Liebe Grüße und einen schönen ersten Advent!
    #Clockwork :)

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    1. Aaah, ich hab die Mailadresse vergessen *handgegenstirnklatsch*
      missduncelbunt@gmail.com

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    2. Nachdem ich eine Kurzgeschichte von Antonia Michaelis mit Begeisterung gelesen hatte, waren meine Erwartungen an den Stil auch ganz andere - vielleicht war die Enttäuschung auch deshalb so groß.

      Ich wünsche dir ganz viel Spaß mit "der Nachtigall" und du bist im Lostopf :-)

      Liebe Grüße

      Steffi

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Steffi & Kay