Sonntag, 9. September 2012

♂ Düsteres Verlangen 01 (Kenneth Oppel) [Rezension]


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"Ich fühlte mich wie ein Schiff, das, im Eis eingeschlossen, langsam zerdrückt wird."
(S. 233)

"Wieder einmal führte er uns durch den kurzen Gang zum Fahrstuhl. Meine Beine 
spürten kaum den Boden, die Wände wirkten wie schimmernde Schleier. Dann
fuhren wir hinab ins Labor."
(S. 304)

"Aber ich wusste, dass es so nicht war und es keinen Sinn ergab, einer Fantasie
nachzuhängen. Die Einzigen, die auf dieser Welt etwas bewirken konnten, waren
wir selbst."
(S. 340)

Bellerive, in der Nähe von Genf, um 1800: Die Frankensteins leben in ihrem Schloss am Genfer See. Zur Familie gehören neben den Zwillingsbrüdern Konrad und Victor noch zwei jüngere Brüder. Ihre Cousine Elizabeth wurde nach dem Tod ihrer Mutter ebenfalls in diesen Kreis aufgenommen. Zeitweise wohnt Konrads und Victors Freund Henry bei ihnen im Schloss. Meistens ist dies der Fall, wenn Henrys Vater, ein Kaufmann, auf Geschäftsreise geht. 

Beim Herumalbern im Schloss entdecken die Zwillinge zusammen mit Elizabeth zufällig einen Geheimgang in der Bibliothek. Bei der Erkundung des Ganges finden sie eine Tür ohne Klinke und mit der Aufschrift "Tritt nur nach der Begrüßung eines Freundes ein". Von Neugier getrieben steckt Victor seine Hand durch ein Loch in der Tür. Etwas Kaltes packt seine Hand und lässt sie nicht mehr los. Die Drei sind in dem Geheimgang gefangen, als auch noch die Tür zum Ausgang zufällt. Elizabeth hat eine Idee. Hierdurch gelingt es Victor, seine Hand zu befreien und plötzlich öffnet sich die mysteriöse Tür. Dahinter entdecken sie einen geheimnisvollen Raum mit seltsamen Apparaturen und Regalen voller Bücher. Als sie sich in dem Raum genauer umschauen wollen, steht wie aus dem Nichts der Vater in der Tür. Statt einer Zurechtweisung erklärt er ihnen, dass sie die Bibliotheca Obscura, vor 300 Jahren von Wilhelm Frankenstein erschaffen, entdeckt haben. Wilhelm Frankenstein hatte sich der Alchemie verschrieben und ist damals spurlos verschwunden. Der Vater verabscheut offensichtlich die alchemistischen Lehren und ringt ihnen das Versprechen ab, dass er sie nie wieder in der Bibliotheca Obscura antreffen wird.

Konrad erkrankt schwer. Die Ärzte schaffen es mit allen Mitteln nicht, das Fieber zu besiegen. Victor hat einen Einfall. Bestimmt existiert in den Büchern des Alchemie-Labors die Beschreibung eines Heilmittels. Und tatsächlich! Er findet die Beschreibung eines Mittels, das sich "Elixier des Lebens" nennt. Doch um die Zusammensetzung des Elixiers auch entschlüsseln zu können, benötigen sie die Hilfe von Julius Polidori, einem Alchemisten, der früher nahezu Wunder bewirkt hat, zwischenzeitlich jedoch in Vergessenheit geraten ist. Elizabeth, Victor und Henry gelingt es, Polidori ausfindig zu machen. Polidori schafft es, die Geheimschrift nach und nach zu entziffern. Nun liegt alles daran, die wirklich ungewöhnlichen Zutaten für das Elixier zu besorgen. Keine leichte Aufgabe...

Angestachelt von den bisherigen, durchweg guten, Rezensionen, musste ich das Buch nun auch endlich lesen. Ehrlich gesagt war ich allein schon aufgrund des Titels skeptisch, ob die Geschichte wohl auch tatsächlich etwas für mich sein wird. Nachdem ich das Buch nun gelesen habe, wurde ich eindeutig eines Besseren belehrt!

Der Schreibstil des Autors hat es mir leicht gemacht, mich schnell in die Geschichte hineinzufinden und mitreißen zu lassen. Hautnah ließ mich Herr Oppel die Abenteuer seiner Protagonisten erleben, wobei ich mehr als einmal eine Gänsehaut bekommen habe. Der Autor erzählt uns die Handlung aus Sicht des Protagonisten Victor. Wirklich sehr gelungen! So erleben wir eine teilweise konfuse und abstrakte, andererseits jedoch wieder vollkommen realistische Gefühlswelt dieses Charakters. 

Die Protagonisten insgesamt wurden in diesem Buch wirklich sehr gut dargestellt! Da haben wir auf der einen Seite die Zwillingsbrüder Konrad und Victor. Konrad ist intelligent, bedächtig und handelt überlegt. Alle Welt liebt Konrad. 
Sein Bruder Victor hingegen ist, trotz natürlich gleichen Aussehens, das absolute Gegenteil. Ihn kann man sich als abenteuerlustigen Draufgänger vorstellen, der meistens erst handelt, bevor er denkt. Jähzorn ist eine weitere Charaktereigenschaft von Victor. Ein gewisser Neid auf seinen allseits beliebten Bruder, vor allem, als er die zarten Gefühle zwischen Konrad und Elizabeth entdeckt, verzehrt ihn. Aber seine Bruderliebe gibt ihm auch Kraft, diesen Neid wieder und wieder zu besiegen. Victor ist aus meiner Sicht natürlich der Charakter, von dem das Buch lebt. 
Und dann wäre da noch Elizabeth. In Elizabeth habe ich mich sofort verliebt! Elizabeth ist aus meiner Sicht das weibliche Pendant zu Victor. Allerdings in nicht ganz so ausgeprägter Form. Auch sie hat für die Spannungsbögen in der Geschichte eine entscheidende Bedeutung. Bei den Szenen mit Victor, nachdem sich dieser seiner Gefühle für Elizabeth bewusst geworden ist, spürt man förmlich dieses angespannte Knistern und dieses Prickeln, so gut wurden diese beschrieben!
Henry, klug und manchmal übervorsichtig, komplettiert das Team. 
Ein faszinierender Charakter war für mich Julius Polidori. Einerseits kann man ihn hilfsbereit und zuvorkommend beschreiben. Auf der anderen Seite erscheint er düster und geheimnisvoll. Zusammen mit seinem abgerichteten Luchs Krake erleben wir ihn als undurchschaubaren Mitspieler, der uns im Laufe der Geschichte ziemlich überrascht.

Lobenswert hervorzuheben ist außerdem die Covergestaltung des Buches, die auf mich sehr ansprechend gewirkt hat. Bei genauem Hinsehen erkennen wir auf dem Cover verschiedene Gesichter. Diese sollen aus meiner Sicht Konrad, Victor und Elisabeth darstellen, wobei Elizabeth zweimal, einmal In Richtung Konrad und einmal in Richtung Victor blickend, eingebracht wurde. Ich finde, dass diese Gestaltung ein Volltreffer ist, weil allein damit schon das Spannungsfeld in der Beziehung dieser 3 Protagonisten versinnbildlicht wird.

Insgesamt hat der Autor mit "Düsteres Verlangen" ein rundum gelungenes Werk geschaffen, bei dem ich durchgehend einen tollen Lesegenuss hatte. Die an Elisabeth, Victor und Henry gestellten Aufgaben konnten für meinen Geschmack teilweise zu reibungslos gelöst werden. Aber ich hatte trotz dieses kleinen Kritikpunktes wirklich viel Spaß mit der Geschichte!

Für "Düsteres Verlangen - Die wahre Geschichte des jungen Victor Frankenstein" vergebe ich sehr, sehr, wirklich sehr gute 4 Bücher. Es ist ein Buch für alle, die Spannung, Abenteuer und dunkle Romantik verbunden mit unüberbrückbaren Hürden mögen. Für Frankenstein-Fans ist es natürlich ein absolutes Muss!  Und ich weiß nun endlich, wie Frankenstein zu dem wurde, wie wir ihn kennen...

1. Düsteres Verlangen - Die wahre Geschichte des jungen Victor Frankenstein
2. englischer Titel: Such Wicked Intend



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Kommentare:

  1. Ich habe erst vor kurzem Frankenstein gelesen und dieses Buch hat rein gar nichts mit dem Oringal zu tun.

    Vorher hat mich die Reihe schon interessiert, aber wenn man dann mal das Original gelesen hat, weiß man, dass das Buch nichts für einen ist.

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  2. ...da hast du natürlich recht, wenn man sich absolut auf das Original bezieht :-) ich fand die Idee richtig gut und konnte über die Abweichungen zum Original, das ja dann auch erst später spielt, hinwegsehen.

    LG

    Kay

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  3. Haha, da hat sich Herr Oppel mit Julius Polidori, bzw. mit dessen Namen aber einen tollen Scherz erlaubt. =D Für die, die es nicht wissen: John Polidori war ein Zeitgenosse und guter Freund von "Frankenstein"-Autorin Mary Shelley und ihrem Mann, der mit "The Vampyre" die erste populäre Vampirgeschichte, noch vor Stokers "Dracula" veröffentlichte. Entstanden ist die Idee zu "The Vampyre" übrigens genauso wie die zu "Frankenstein": Percy und Mary Shelley machten gemeinsam mit Polidori und Lord Byron Urlaub und verbrachten einen verregneten tag damit, sich gegenseitig Schausergeschichten zu erzählen. :-)

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  4. Das hört sich wirklich toll an! Hast mir richtig Lust auf das Buch gemacht-Danke dir :) Ganz, ganz toll beschrieben!

    liebe Grüße :)

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Steffi & Kay